Der Kanton Zug im frühen Mittelalter

Die jüngsten Ausgrabungen frühmittelalterlicher Funde in Zug lenken die Aufmerksamkeit auf die Arbeit des Amts für Denkmalpflege und Archäologie. Wie werden solche Funde gemacht und was geschieht mit den ausgegrabenen Objekten? Gishan Schaeren, Abteilungsleiter ur- und frühgeschichtliche Archäologie, lieferte Antworten.

 

Wäre da nicht ein moderner Bagger, der sich mit grosser Vorsicht Zentimeter für Zentimeter in den Boden einarbeitet, könnte man sich beim Fund dieser Objekte einige Jahre in die Vergangenheit versetzt fühlen. Rund 1300 Jahre, um genauer zu sein. Denn so alt sind die Skelettreste, das Schwert, die Glasperlen und die Gürtelschnalle, die bei den jüngsten Rettungsgrabungen im Kiesabbaugebiet in Cham-Oberwil ans Tageslicht geholt wurden. Die Relikte bestätigen bereits vorhandene Annahmen und bieten einen spannenden Einblick in das Leben längst vergangener Zeiten.

 

 

 

Im Falle des Kiesabbaugebiets gehen die zuständigen Mitarbeiter der Kantonsarchäologie meist bereits ein Jahr vor Beginn der Kiesabtragungen im betroffenen Gebiet auf die Suche nach archäologischen Überresten. Seit 1990 begleitet die Zuger Archäologie den Kiesabbau in Cham-Oberwil und konnte seither viele Erfolge verbuchen, da das Gebiet besonders reich an archäologischem Fundgut ist.

 

Gishan Schaeren, Abteilungsleiter ur- und frühgeschichtliche Archäologie. (Bild: PD)
Gishan Schaeren, Abteilungsleiter ur- und frühgeschichtliche Archäologie. (Bild: PD)

Grabungen sind kein Wunschkonzert

 

In der Medienmitteilung vom 28. Oktober informierte die Direktion des Innern über die neusten Rettungsgrabungen im Kiesabbaugebiet Cham-Oberwil. Rettungsgrabungen deshalb, weil die Freilegung solcher Relikte nicht willkürlich geschieht. «Unsere Grabungen sind kein Wunschkonzert. Wir suchen nur an Stellen nach Resten, wo wir sie vermuten und sie ohne unser Eingreifen zerstört werden würden», so Gishan Schaeren. «Wir informieren uns über geplante Bauprojekte und wägen ab, wo archäologische Resten begraben sein könnten.»

 

Im Falle des Kiesabbaugebiets gehen die zuständigen Mitarbeiter der Kantonsarchäologie meist bereits ein Jahr vor Beginn der Kiesabtragungen im betroffenen Gebiet auf die Suche nach archäologischen Überresten. Seit 1990 begleitet die Zuger Archäologie den Kiesabbau in Cham-Oberwil und konnte seither viele Erfolge verbuchen, da das Gebiet besonders reich an archäologischem Fundgut ist.

 

 Anthropologin Viviane Mee bei der Begutachtung eines Frauengrabes aus der Zeit um 700 n. Chr. und der Bergung der sterblichen Überreste. (Bild: Kathrin Rüedi)
Anthropologin Viviane Mee bei der Begutachtung eines Frauengrabes aus der Zeit um 700 n. Chr. und der Bergung der sterblichen Überreste. (Bild: Kathrin Rüedi)

 

Eigentum und Wert

 

Wird etwas aufgespürt, machen sich die Fachkräfte daran, die Funde sorgfältig zu dokumentieren. Fotos und Zeichnungen helfen beim Untersuchen und Auswerten der Funde. Aber wem gehören diese eigentlich und welchen Wert haben sie? Gishan Schaeren erklärt: «Die sogenannten ?herrenlosen Altertümer? gehören jeweils dem Kanton, auf dessen Grund sie gefunden wurden. Ihr materieller Wert unterscheidet sich je nach Substanz. Gold und Silber hat heute noch immer seinen Wert, genau wie vor tausend Jahren. Die kürzlich gefundene Gürtelschnalle ist jedoch im Grunde nur ein verrosteter Eisenklumpen. Für uns zentral ist der wissenschaftliche Wert; und dieser ist bei den meisten gefundenen Objekten sehr gross.» So sind auch die kürzlich gefundenen Gräber aus wissenschaftlicher Sicht wertvoll. Sie sind die ersten frühmittelalterlichen Funde, die in Cham-Oberwil bisher gemacht wurden und bestätigen die Vermutung, dass dort auch in dieser Zeit gesiedelt wurde.

 

Alter von Fundstücken mithilfe diverser Methoden ermittelbar

 

Aus der Medienmitteilung kann ebenfalls entnommen werden, dass es sich bei den gefundenen Zähnen um jene einer jungen Frau handle. Wie man aufgrund jahrtausendealter Fundstücke das ungefähre Alter eines Menschen eruieren kann, ist jedoch vielen ein Rätsel. «Früher war die Abnutzung der Zähne aufgrund der damaligen Nahrung um einiges stärker als heute. Weil die gefundenen Zähne wenig abgenutzt sind, deutet dies deshalb auf ein junges Gebiss hin. Die ebenfalls im Grab beigelegten Glasperlen lassen auf eine weibliche Person schliessen», begründet Gishan Schaeren. Das ungefähre Alter von organischen Fundstücken könne auch anhand einer speziellen Methode herausgefunden werden. Die «C14»-, oder auch Radiokarbonmethode, misst den Zerfall von radioaktivem Kohlenstoff. Der zeitliche Anwendungsbereich liegt zwischen circa 300 bis 60?000 Jahren. «Fundstücke können auch anhand äusserlicher Merkmale einer Epoche zugeordnet werden. Die Form der gefundenen Gürtelschnalle ist beispielsweise typisch für das Frühmittelalter», führt Schaeren aus.

 

Restauratorin Maria Ellend im Labor beim Freilegen des Eisenschwerts und der Festigung der anhaftenden Stoff- und Lederreste. (Bild: Andreas Eichenberger)
Restauratorin Maria Ellend im Labor beim Freilegen des Eisenschwerts und der Festigung der anhaftenden Stoff- und Lederreste. (Bild: Andreas Eichenberger)

 

Endstation Museum

 

Finanziert werden die archäologischen Arbeiten durch den Kanton Zug. Als rechtliche Grundlage dient hier das Denkmalschutzgesetz, das die Kantone in die Pflicht nimmt, archäologische Funde zu bergen und adäquat zu behandeln. Diese werden gereinigt und so präpariert, dass sie nicht weiter zerfallen. Wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind, kommen die Fundstücke ins Museum für Urgeschichte in Zug und finden dort einen Platz im Depot oder in einer der zahlreichen Ausstellungen. «Unsere Arbeit dient gleichermassen dem Bewahren des bedrohten Kulturerbes, dessen Vermittlung an die Öffentlichkeit sowie der Forschung. Wir wollen aufzeigen, wie sich das Leben im Kanton Zug früher abgespielt hat, wie lange hier schon Menschen siedeln und unter welchen Umständen sie lebten», erzählt Gishan Schaeren. «Die Archäologie ist ein Weg, um genau das herauszufinden.» 

 

Teil einer Gürtelschnalle aus dem 7. Jahrhundert. Auf der Gürtelschnalle, am rechten Rand, haben sich durch Rost geschützt Leder und Stoffreste erhalten. (Bild: Maria Ellend)
Teil einer Gürtelschnalle aus dem 7. Jahrhundert. Auf der Gürtelschnalle, am rechten Rand, haben sich durch Rost geschützt Leder und Stoffreste erhalten. (Bild: Maria Ellend)