Nidwaldner Snowboarderin Jessica Keiser: «Ich bin ein wenig eitel geworden»


Jessica Keiser, Studentin und Snowboarderin (Bild: Kristina Gysi)
Jessica Keiser, Studentin und Snowboarderin (Bild: Kristina Gysi)

Jessica Keiser ist in Nidwalden keine Unbekannte. Die 26-jährige Snowboarderin aus Oberdorf durfte in den letzten Jahren einige Erfolge verzeichnen. Neben der Piste ist die charismatische und fröhliche Studentin vor allem eines: eine Frau mit klaren Vorstellungen.

 

Zweijährig war Jessica Keiser, als ihre Mutter sie das erste Mal auf die Ski stellte. Heute ist die 26-Jährige eine Profi-Snowboarderin und über ihr sportliches Tun wurde bereits viel berichtet. Wir blicken hinter die sportliche Fassade der jungen, energiegeladenen Blondine.

 

Das Snowboarden und Ihr Wirtschaftsstudium beanspruchen einen grossen Teil Ihrer Zeit. Auf was müssen Sie verzichten?

 

Jessica Keiser: Wenn man etwas gerne macht, muss man eigentlich auf nichts verzichten. An erster Stelle stehen der Sport und das Marketing rund herum, dann kommt das Studium. Ich lerne gerne, es liegt mir. Ich freue mich auf die Prüfungsphase, in der ich in kürzester Zeit viel Stoff lernen muss.

 

Dann lassen Sie sich also nicht schnell ablenken?

 

Manchmal schon, aber mittlerweile weiss ich, dass die Nacht meine produktivste Zeit ist. Dann ist die Welt still: kein aktives Instagram, keine E-Mails und keine singenden Vögel. Von zehn bis vier Uhr nachts lerne ich am besten.

 

Sie wirken, als seien Sie selten gestresst. Was tun Sie, wenn Sie es doch sind?

 

Das kommt sicher vor. Dann höre ich klassische Musik – in ihr kann ich mich vollkommen verlieren. Ich kenne mich gut und weiss, in welchen Gemütslagen mir diese Musik helfen kann. Besonders wenn ich wütend, traurig oder gestresst bin.

 

Übrigens suche ich jemanden, der mich in die Oper begleitet. Bisher leider erfolglos.

 

Klassische Musik, spielen Sie deswegen Klavier?

 

Ich sage immer: Steht bei einem Wettkampf im Hotel ein Klavier, wird es ein gutes Rennen. Wenn ich glücklich bin, kann ich mich auf den Tasten austoben und meiner Freude freien Lauf lassen. Und wenn ich traurig bin, gelingt es mir, mich mit dem Klavierspielen zu ebnen.

 

Sport, Marketing, Studium. Wo finden Sie den Ausgleich?

 

Den finde ich beim Spazieren, im Wellness oder in der Zeit, die ich mit Freunden verbringe. Bei ihnen bin ich nicht die Sportlerin, sondern einfach ich selbst. Ausserdem koche ich oft Menus für meinen Grossvater. Gerichte, die er nicht kennt oder es nie wagen würde, sie selbst zu kochen. Pommes frites aus Süsskartoffeln, Brokkolipizza, Bananenbrot – bisher hat ihm alles geschmeckt. Wir telefonieren auch jeden Tag miteinander oder sehen uns per Face-Time. Mittlerweile klappt es ganz gut mit der Technik. Grosspapi ist der wichtigste Mensch in meinem Leben, das Band zwischen uns war schon immer sehr stark.

 

Pflegen Sie mit Ihrem Grossvater nebst den täglichen Anrufen noch andere Rituale?

 

Wir feiern gemeinsam Weihnachten. Obwohl Weihnachten nicht gerade mein Lieblingsfest ist. Ich sehe keinen Grund, jemandem ausgerechnet an diesem Tag etwas zu schenken. Wenn ich einem besonderen Menschen eine Freude bereiten will, kann ich ihm doch dann Danke sagen, wenn es besonders gut passt – warum braucht es dazu einen Feiertag?

 

Wie sieht es mit persönlichen Ritualen aus? Haben Sie welche?

 

Eigentlich nicht. An Ritualen finde ich schwierig, dass man doch total aufgeschmissen sein muss, wenn man sie ausnahmsweise nicht durchführen kann.

 

Aber ich habe einen Stein in meiner Trainingstasche. Er erinnert mich an die Botschaft eines Menschen, der im Sport schon einiges erlebt hat. Der Stein soll symbolisieren; du bist stark und kannst alles schaffen. Ich trage ihn jetzt immer mit mir rum – als hätte ich nicht sonst schon genug dabei. Ich bin immer die mit dem meisten Übergepäck, sogar in den Sommerferien. Obwohl man da eigentlich nur einen Bikini, dünne Sommerkleidchen und ein Buch braucht.

 

Welche Bücher lesen Sie denn?

 

Nicht bsonders viele, aber wenn, dann welche in Holländisch. Die Sprache habe ich mir selber beigebracht. Als «Camper-Kind» lernte ich auf Zeltplätzen viele Menschen aus den Niederlanden kennen. Ich mochte die Sprache und die Leute von dort schon immer und wollte mich mit ihnen unterhalten können. Also entschied ich, die Sprache im Eigenstudium zu lernen.

 

 

Wären Sie noch immer für Camping-Ferien zu haben?

 

 

(Lacht) Oh nein, ganz und gar nicht. Ich muss zugeben, ich bin ein wenig eitel geworden, habe es gerne sauber und gemütlich. Wenn ich heute in die Ferien fahre, brauche ich etwas mehr Komfort. Und es muss am Strand sein, ich liebe das Meer.

 

Dann sind Sie also eine Geniesserin?

 

Auf jeden Fall. Ein gutes Stück Fleisch, blutig, und dazu ein Glas Wein stimmen mich sehr zufrieden.

 

Gehen Sie auch auf Partys?

 

Ab und zu schon, ja. Obwohl ich mit dem Snowboardzirkus und dem Studium eigentlich schon genug Rambazamba habe. Ich bin auch meistens die gute Freundin, die fährt. Man kann auch Spass haben, ohne sich zu betrinken. Ich spiele lieber Taxi und kann am nächsten Tag ins Training.

 

Sie sind sehr zielstrebig und ehrgeizig. Woher haben Sie diese Eigenschaften?

 

Ich bin die genaue Mischung aus meinem Vater und meiner Mutter. Sie, die Sportbegeisterte, die früher Skirennen fuhr. Er, der businessorientierte und tüchtige Geschäftsmann. Sie gaben mir vieles mit auf den Weg, von dem ich heute profitieren kann.

 

Worin sehen Sie Ihre Schwächen?

 

Die Ungeduld mit mir selbst und mit anderen. Zudem kann ich nicht besonders gut zuhören und bin eine kleine Dramaqueen. Wenn etwas nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle, kann ich zickig, ja sogar wütend werden – besonders im Training.

 

 

Und dann hören Sie klassische Musik...

 

(Lacht) Manchmal, ja.

 

Sie fahren Snowboard alpin. Hat Sie die Freestyle-Welt nie gereizt?

 

Nein, gar nicht. In dieser Hinsicht bin ich ein Angsthase; wenn ich einen Meter Luft unter meinem Brett habe, bekomme ich Schiss. Auch was die Geschwindigkeit angeht, muss ich mich immer wieder daran erinnern, dass es nur ein Gas gibt. Nämlich Vollgas.

 

Haben Sie mit dem Konkurrenzdruck zu kämpfen?

 

Ja, schon. Mit meinem Mentaltrainer rede ich oft über dieses Thema. Es kann psychisch sehr belastend sein, aber ich schaffe es immer, mich wieder auf das Wesentliche zu fokussieren: Frontside. Backside. Törchen. Möglichst schnell. Das ist das Wichtigste.

 

Anfang Jahr mussten Sie eine Zwangspause machen, weil sämtliche Skigebiete geschlossen wurden. Wie hat sich das auf Ihre jetzige Form ausgewirkt?

 

Durchaus positiv. Da die letzte Saison frühzeitig beendet wurde, konnte ich eher mit dem Konditionstraining für die kommende Saison beginnen. Wir in der Schweiz hatten es ja verhältnismässig gut ohne Ausgangssperre. Ich konnte weiterhin wandern und Velo fahren, bei meinen Eltern im Keller richtete ich einen Kraftraum ein. Weil etliche Termine und Events ausfielen, konnte ich mich zu hundert Prozent auf mich selbst konzentrieren. Ich bin zuversichtlich, dass die kommende Saison eine gute sein wird.

 

 

Zur Person

 

26 Jahre jung ist Jessica Keiser aus Oberdorf. Die Profi-Snowboarderin hat in den letzten Jahren etliche sportliche Erfolge einheimsen können. Dazu kommen ein Bachelorabschluss und ein angefangenes Masterstudium in der Betriebsökonomie. Ausserdem engagiert sich Keiser bei der «Stiftung für Kinder in der Schweiz» als Botschafterin und setzt sich so für das Wohl der Jüngsten ein.