Pilatus-Bahnen bauen Talstation um – bald folgt der Einbau einer Exklusivität

Seit November 2020 wird die Talstation Alpnachstad der Zahnradbahn Pilatus umfassend ausgebaut. Bald folgen die neuen Gleiswender – sie wurden in den 1960er-Jahren exklusiv für diese Bahn entwickelt.

Sie ist eine Bahn der Superlativen: Noch immer gilt die Pilatus-Bahn als «steilste Zahnradbahn der Welt». Mit Highspeed konnte sie sich bisher jedoch weniger schmücken. Mit gerade mal 12 Kilometern pro Stunde schlängeln sich die roten Waggons den Berg hinauf. Doch in zwei Jahren soll sich dies ändern: Die Betreiber versprechen eine Geschwindigkeitssteigerung um 3 km/h, was eine erhebliche Zeitersparnis mit sich bringen wird – auch ohne die Fahrgäste in Schwindel zu versetzen. Grund dafür sind neue Fahrzeuge, denn die Pilatusbahn stockt auf. Acht moderne Triebwagen und ein neuer Güterwaggon sollen 2023 in Betrieb genommen werden. Diese ziehen aber auch einige Anpassungen auf der Anlage nach sich. So muss die Talstation Alpnachstad umfassend umgebaut werden. Zum Projekt zählt auch eine Konstruktion, die es so nur bei den Pilatus-Bahnen gibt.

 

Neue Wagen sorgen für mehr Effizienz

 

Patrick Blaser zupft seine Maske zurecht. Der rote Drache darauf hebt sich deutlich vom Schwarz ab. «Pilatus» steht in grossen Lettern daneben. Blaser ist Leiter Technik und Betrieb bei der Pilatus-Bahnen AG und hat derzeit allerhand zu tun. «Hier, Ihr Helm. Bitte unterbrechen Sie mich, wenn Sie mit meinem Fachjargon nicht zurechtkommen», sagt er, steigt auf die stählerne, von Dreck überzogene Treppe und weist den Weg zur Baustelle, die sich weiter oben am Hang befindet. 

 

«In erster Linie stand die Beschaffung neuer Fahrzeuge auf dem Programm», erklärt Blaser. Trotz dem baustellentypischen Rauschen, Rumpeln und Klirren ist er gut verständlich. Es dürfte nicht seine erste Führung sein. 

 

«Die alten 80-jährigen Wagen haben

nur auf einer Seite Türen, was den

Aus- und Einstieg der Gäste

erschwert und verlangsamt.»

 

Mit den neuen Wagen, die zu beiden Seiten mit Türen ausgestattet sind, einer weiteren Schiene in der Talstation und einem zusätzlichen Perron werde dieses Problem in Zukunft gelöst.

Patrick Blaser, Leiter Technik und Betrieb der Pilatus-Bahnen AG, vor der Baustelle in der Talstation Alpnachstad. (Bild: Kristina Gysi)
Patrick Blaser, Leiter Technik und Betrieb der Pilatus-Bahnen AG, vor der Baustelle in der Talstation Alpnachstad. (Bild: Kristina Gysi)

Gleiswender, eine Exklusivität

 

In Zusammenhang mit den neuen Fahrzeugen steht eine Konstruktion, die anstelle von Weichen zur Umleitung von Fahrzeugen dient. «Weil man Weichen, wie man sie zum Beispiel von den SBB kennt, nicht in unserem Zahnradsystem verwenden kann, wurde in den 1960er-Jahren eigens für diese Bahn der sogenannte Gleiswender entwickelt», erklärt Blaser und zieht die schwarze Maske zurück über die Nasenspitze. 

Die Gleiswender wurden eigens für die Zahnradbahn der Pilatus-Bahnen entwickelt. (Bild: PD)
Die Gleiswender wurden eigens für die Zahnradbahn der Pilatus-Bahnen entwickelt. (Bild: PD)

Es folgt eine kurze Lektion in Schweizer Geschichte: «Die Bahn hatte damals nur ein Gleis und wurde nach dem Brand im Hotel Pilatus-Kulm um drei weitere Gleise ausgebaut», erzählt Blaser. «Diese passten jedoch nicht alle nebeneinander durch den engen Raum im Felsen, der sich auf der Strecke der Zahnradbahn befindet.» Man habe also nach einer Möglichkeit gesucht, die drei Schienen auf ein einzelnes Gleis umzuleiten und so durch das Gestein zu führen.

 

«Die Mitarbeiter eines Krienser

Ingenieurbüros hatten schliesslich

die zündende Idee und erfanden

den einzigartigen Gleiswender.»

 

Die Konstruktion lässt sich um 180 Grad drehen und leite das Fahrzeug je nach Einstellung in die eine oder andere Richtung. Blaser zupft erneut seine widerspenstige Maske über die Nase und sagt: «Zurzeit laufen die Vorbereitungen, um die ersten zwei der drei neuen Gleiswender einzubauen.»

 

Die Beschaffung der neuen Wagen hat auch Auswirkungen auf den Fahrplan der Zahnradbahn. Man gehe davon aus, in Zukunft einen Halbstundentakt anbieten zu können – derzeit fährt die Bahn alle 40 bis 45 Minuten. Die neuen Wagen fahren schneller, was zu einer gesamthaften Beschleunigung von zirka 10 bis 15 Minuten führt. «Der neue Halbstundentakt passt gut zu den Schiff- und ÖV-Verbindungen», freut sich der Projektleiter sichtlich und nickt einem Bauarbeiter zu, der mit einer Zigarette im Mundwinkel den steilen Hang erklimmt.

 

Mit dem Salat durch die Gäste

 

Ein weiteres Ziel der Arbeiten sei es, Versorgungskette und Gäste voneinander zu trennen. «Zurzeit müssen wir mit dem ganzen Salat und anderer Ware durch die Gäste hindurch», so Blaser. Und damit meint er in der Tat den Salat, der für die Restaurantbesucher auf dem Bergspitz bestimmt ist. Der neue Gütertriebwagen soll zukünftig nur noch auf einem anderen Gleis, getrennt von den Fahrgästen, beladen werden können. «Sodass diese nicht vom Warenverkehr tangiert werden.» Dafür müsse der Anlieferungs- und Logistikbereich erweitert werden. «Um den nötigen Platz zu gewinnen, mussten wir die Felswand zurückspitzen und genügend sichern.» Diese Felswand bestehe aus Schieferstein – ein Sediment, das schnell bröckelt, was zu gefährlichen Gesteinsstürzen führen könne. 

 

Am Fusse der besagten Wand steht ein in Orange gekleideter Bauarbeiter und hantiert mit einem Schlauch herum. «Er besprüht die Wand mit Spritzbeton, um den Felsen zu sichern.» In der Fachsprache nennt sich der Vorgang «Gunitieren». 

 

Keine Baustelle ohne Hürden

 

Laut Blaser laufen die Arbeiten bisher einigermassen nach Plan: «An einigen Orten haben wir ein wenig Zeit verloren, an anderen sind wir etwas voraus. In der Summe sollte es also gut aufgehen», meint er zuversichtlich und rückt seinen weissen Helm zurecht. Eine Baustelle ohne Hürden gebe es aber ohnehin selten bis nie, denn beim Umbau müsse man einige Dinge beachten. «Die ganze Station steht unter Denkmalschutz, und wir müssen die damit verbundenen Auflagen berücksichtigen.» Man habe sich darauf geeinigt, nur das Allernötigste zu erneuern und alles andere so zu lassen, wie es ist. «Bei den Dingen, die wir anpassen müssen, achten wir darauf, dass sie weiterhin ins Bild passen.» Auch Tiere haben ihren Einfluss:

 

«Die Talstation ist ein grosses

Einzugsgebiet von Eidechsen. Wir sind verpflichtet,

ihnen den nötigen Rückzugsort zu

bieten – unter anderem mit Naturstein,

in dessen Rissen sich die Tiere verstecken können.»

 

Und Corona? «Die Einbussen sind natürlich riesig», sagt Blaser. Der mitschwingende Seufzer ist kaum überhörbar. Die effektiven Zahlen habe er noch nicht, da der Geschäftsabschluss noch nicht da sei. Aber anhand der Kilometerleistung sei ersichtlich, wie es derzeit um den Bahnbetrieb stehe. «Normalerweise fährt ein Triebwagen im Sommer 8000 bis 9000 Kilometer. Jetzt ist es etwa die Hälfte.» Das habe wehgetan, sagt Blaser. «Die Finanzierung musste man natürlich noch einmal anschauen. Aber wir konnten in den letzten Jahren ein gutes Polster aufbauen, von dem wir 2020 und 2021 zehren können.» Danach müsse man darauf hoffen, dass sich die Situation beruhigt und der Tourismus wieder anzieht. «Gerade unter der Woche und ausserhalb der Hauptsaison sind wir stark auf die ausländischen Gäste angewiesen», sagt Blaser. «Derzeit fahren die Bahnen bei schlechtem Wetter praktisch leer.»

 

Die Baustellenführung endet für ein Fotoshooting auf dem Dach der Talstation. «Ich bin nicht so der Kameramensch», meint Blaser und lacht in den Fotoapparat. Immerhin kann er für einige Minuten die widerspenstige Maske vom Gesicht nehmen.