Längere Arbeitszeiten, steigendes Unfallrisiko:

Skitourenhype belastet Bergbahnen

 

Skitouren gewinnen seit einiger Zeit an Beliebtheit. Im Coronawinter scheint es aber noch mehr Menschen in das unberührte Weiss zu ziehen als gewöhnlich. Das stellt die Bahnbetreiber vor Herausforderungen.

 

Seit dem 9. Dezember gelten in den Schweizer Skigebieten die neuen Massnahmen des Bundes: weniger Menschen in den Gondeln, ein Mindestabstand und Maskenpflicht. Für einige Wintersportler scheint dies Grund genug zu sein, um den vertrauten Gondelbahnen und Sesselliften den Rücken zu kehren und die schneebedeckten Hänge im Alleingang zu erkunden. So auch in der Zentralschweiz.

 

Skitouren boomen zwar schon seit einigen Jahren, dürften aber heuer noch mehr beliebter sein als sonst schon. Christian Fürsinger, Inhaber des Sportgeschäfts 3Sixty in Stans, kann das bestätigen: «Dass Schneetouren immer populärer werden, merken wir nicht erst seit diesem Jahr. Unsere Tourenski und Splitboards gewinnen schon länger an Beliebtheit. Im Moment erkennen wir aber eine deutlich grössere Nachfrage im Vergleich zum Vorjahr.»

 

Gefahren nicht gänzlich vermeidbar

 

Auch Alain de Brot, Leiter Tourenwesen der Sektion Titlis des Schweizer Alpenclubs (SAC), weiss um das wachsende Interesse an Skitouren: «Am 1. Dezember gaben wir die ersten Touren dieser Saison zur Anmeldung frei. Innert weniger Stunden waren viele davon schon ausgebucht.» Er sagt:

 

«Die Leute wollen raus, suchen Erholung in der Schweizer Natur.»

Der SAC unterstützt das, mahnt aber zur Vorsicht beim risikoreichen Hobby. Dieses erfordere laut de Brot nicht nur Wissen, sondern auch Erfahrung. Und diese sammle man nicht allein durch besuchte Kurse, sondern bei geführten Touren.

 

«Sich eine Ausrüstung zu kaufen und auf gut Glück loszuziehen, ist der falsche Ansatz. Das nötige Hintergrundwissen sammelt man mit Hilfe von Profis bei geführten Skitouren.» Ganz zu vermeiden seien die Gefahren jedoch nicht. De Brot zitiert den Schweizer Lawinenforscher Werner Munter:

 

«Es gibt nicht kein Risiko.»

 

Das Ziel des SAC sei es, den angehenden «Tüürelern» das nötige Wissen weiterzugeben, sie auf den Umgang mit der Natur zu sensibilisieren und so mehr Sicherheit im Bergsport zu schaffen – und das alles auf freiwilliger Basis. «Leider stehen wir hier vor einem Vakuum. Einerseits steigen die Anfragen für Skitouren, andererseits haben wir zu wenig erfahrene Berggänger, die sich als Tourenleitende betätigen möchten. Wir hoffen auf Interessierte, die mit uns den Weg zum ausgebildeten Tourenleiter beschreiten möchten», so de Brot.

 

 

Skitouren sind derzeit hoch im Kurs. (Bild: SAC)
Skitouren sind derzeit hoch im Kurs. (Bild: SAC)

 

Wildruhezonen gilt es unbedingt zu beachten

 

Auch auf die Umwelt haben Skitouren einen Einfluss. Peter Dittli, Vizepräsident und Umweltbeauftragter der Sektion Gotthard des SAC, sagt: «Es beginnt mit der Anreise, die häufig durch Individualverkehr stattfindet. Wir bitten unsere Teilnehmer deshalb, jeweils die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Für bekannte Touren gibt es zu diesem Zweck teilweise sogar einen Skitourenbus.» Zudem seien zu «normalen» Zeiten Fahrgemeinschaften ein weiterer Weg, um weniger umweltschädliche Emissionen zu verursachen. Im Gelände selbst gelte es dann natürlich, den eigenen Abfall wieder einzupacken und nur die Skispuren im Schnee zu hinterlassen.

 

Eine weitere Wichtigkeit sei das Beachten und Akzeptieren von Wildruhezonen. Dittli sagt: «Die Schutzzonen dienen als Rückzugsort für Wildtiere. Werden sie durchfahren, können Tiere aufgescheucht und zur Flucht verleitet werden.» Komme das öfters vor, koste es die Tiere Kraft, die im Winter überlebenswichtig sei. Aufmerksame Tourengänger wüssten, wie die Wildruhezonen auf einer Karte markiert sind, und umfahren diese.

 

Spuren anderer Skifahrer sind keine Sicherheit

 

Wie verheerend es enden kann, sich abseits der Pisten zu bewegen, zeigt ein Vorfall, der sich kürzlich in der Region Titlis ereignet hat. Drei junge Freerider lösten im Tiefschnee eine Lawine aus und wurden unter den Schneemassen begraben. Für einen davon kam jede Hilfe zu spät. De Brot erklärt: «Das Problem beim Freeriden ist, dass sehr gefährliches Gelände mittels Bergbahnen einfach und ohne Anstrengung erreicht werden kann. Man folgt den bereits sichtbaren Spuren anderer Skifahrer und wägt sich deshalb in Sicherheit.»

 

Für Freerider gibt es in vielen Skigebieten markierte, aber nicht präparierte Freeride-Pisten in risikoärmerem Gelände. Und für ungeübte Tourengänger finden sich vielerorts markierte Winterwanderwege, die eine gewisse Sicherheit geben können. Aber nochmals betont de Brot: «Ein Risiko besteht immer.»

 

Skipisten sind nicht immer frei zugänglich

 

Den Bergbahnbetreibern macht der Hype um Skitouren derzeit zu schaffen. Nächtliche Tourengänger, die ihre Abfahrt auf den geschlossenen und teilweise frisch präparierten Pisten geniessen, werden für sie zunehmend ein Problem.

 

Im Gespräch mit Daniel Dommann, Geschäftsführer der Bergbahnen Melchsee-Frutt, wird klar, wie verheerend dieser Spass sein kann – für Sportler und für Bahnbetreiber. «Nach Betriebsschluss werden die Pisten im Skigebiet in Stand gesetzt und für den nächsten Tag präpariert. Dafür setzen wir Pistenmaschinen ein, die teilweise mit bis zu 1,4 Kilometer langen Windenseilen befestigt sind. Sie sorgen für zusätzlichen Halt der Maschine in anspruchsvollem Gelände», erklärt Dommann.

 

 

Daniel Dommann, Geschäftsführer der Bergbahnen Melchsee-Frutt.  (Bild: PD)
Daniel Dommann, Geschäftsführer der Bergbahnen Melchsee-Frutt. (Bild: PD)

«Für den Fahrer dieser Maschine ist es unmöglich, die gesamte Länge der Drahtseile zu überwachen. Zudem sind diese kaum erkennbar. Die Gefahr, dass ein Skifahrer in eines der Seile fährt, ist gross – und lebensgefährlich.»

 

Schon einige Male habe man nächtliche Tourengänger darauf hingewiesen, dass die Nutzung der Pisten ausserhalb der Betriebszeiten nicht erlaubt ist. Diese berufen sich jedoch gerne auf das Recht, sich in der Natur frei bewegen zu dürfen.

 

Dieses Argument greife aber aus mehreren Gründen nicht. «Skipisten unterstehen dem Verkehrssicherungsgesetz und stellen so, ähnlich wie das Strassennetz, einen Verkehrsraum dar. Der Betreiber der Piste haftet für das, was dort passiert, und muss sicherstellen, dass keine Gefahren für den Nutzer bestehen», so Dommann. «Zudem gehören die Pisten einem Landbesitzer. Die Bergbahnen pachten diese, sie bezahlen also dafür – während die Tourengänger gratis fahren.» Dommanns Vergleich: «Das wäre, als würden Sie in den Swimmingpool im Garten Ihres Nachbarn steigen und sich auf ihr Recht berufen, sich in der Natur frei bewegen zu dürfen.»

 

Pistenbearbeitung verschoben, längere Arbeitszeiten

 

Trotzdem – oder gerade deshalb – kommen die Bahnbetreiber der Melchsee-Frutt den Tourengängern entgegen. Sie ermöglichen ihnen jeweils mittwochs zwischen 18 und 22 Uhr die Nutzung der Piste Stöckalp–Cheselen–Melchsee-Frutt für den Aufstieg und die Abfahrt. Für die Mitarbeiter bedeute dies eine grosse Betriebsumstellung. «Die Pistenbearbeitung wird um mehrere Stunden verschoben, was zu längeren Arbeitszeiten in der Nacht führt. Zudem hat der präparierte Schnee weniger Zeit, um sich zu ‹erholen›», erklärt Dommann. «Das hat zur Folge, dass die Skipiste schneller Unebenheiten aufweist und deshalb die Pistenverhältnisse beeinträchtigt werden.» Der Aufwand gehe zu Lasten der Bergbahnen. «Aber wir machen das jetzt einfach und gut ist.»