Mit viel Chaos im Gepäck

 

Mit dem Fahrrad vom Bodensee nach Zug – wieso eigentlich nicht? Gerne nehme ich Sie mit auf meine Velotour von der Ost- bis in die Zentralschweiz.

 

Woher die Idee kam, mir drei bis vier Tage lang den Allerwertesten wund zu scheuern, weiss ich nicht genau. Am 10. Juli sass ich in meiner typischen Position – im Stuhl weit zurückgelehnt, die Beine überschlagen – am Schreibtisch und fragte mich, was ich mit den zwei Wochen Sommerferien Mitte August anstellen könnte.

 

Portemonnaie und Moral

Zwei entscheidende Faktoren trugen wohl schliesslich zu meiner Entscheidung bei. Erstens: Mein Portemonnaie lässt momentan nicht viel mehr zu, als einen Besuch im Strandbad. Zweitens: Ein Billigflug für einige Tage Ferien im Ausland widerspricht meinem Moralkodex. Es musste also etwas Günstiges sein, das trotzdem Spass macht und ein Abenteuer garantiert. «Kris, mach doch einfach eine Velotour!», meinte mein Hirn. Rumms. Alles klar, dann also eine Velotour.

 

Grosse und noch grössere Hürden

Nun, für eine organisatorische Komplettbanause wie mich wirft die Planung einer solchen Tour einige Fragen auf: Wo soll es hingehen? Ist das in der Schweiz? Wo genau liegt der Bodensee? Was mache ich hier eigentlich? – Nebst einem Talent zur Nichtorganisation werden mich nämlich zwei weitere Probleme mangelnder Synapsenaktivität vor grosse Hürden stellen: meine wirklich schlechten Geografiekenntnisse und meine noch viel schlechtere Orientierung. Deshalb ein kleiner Hinweis: Wenn Sie diese Rubrik nicht mehr zu lesen bekommen, bevor ich von meiner Rückkehr nach Zug berichtet habe, bin ich entweder von einem Wildschwein verspeist worden, oder habe mich in der Schweizer Wildnis verlaufen. Eine Suche wäre zwecklos.

 



Innerer Konflikt

 

Mit dem Fahrrad vom Bodensee nach Zug – wieso eigentlich nicht? Gerne nehme ich Sie mit auf meine Velotour von der Ost- bis in die Zentralschweiz.

 

Als mir klar wurde, dass ich für die Velotour meinen verstaubten, rostigen Drahtesel aus dem Keller holen muss, lief mir beim Gedanken an die sich um den Sattel windenden Spinnweben ein kalter Schauer über den Rücken. Nun gut, diese Darstellung ist ein wenig übertrieben, aber ich hatte mein Fahrrad tatsächlich einige Wochen lang nicht benutzt.

 

Mit Flipflops auf den Everest

Beim Anblick des Velos schossen mir unmittelbar zwei Dinge durch den Kopf. Erstens: Mein Fahrrad war, wie es gerade vor mir stand, in etwa so gut für eine mehrtägige Velotour geeignet, wie Flipflops zur Besteigung des Mount Everest. Zweitens: Hat wohl bereits jemand den Mount Everest mit Flipflops bestiegen? Doch bevor ich mein Handy zücken konnte, um dieser Frage nachzugehen, besann ich mich auf meine eigentliche Mission und begann, in aller Ernsthaftigkeit, die diese Herausforderung mit sich brachte, zu überlegen, wie ich mein Fahrrad tourentauglich machen könnte.

 

Im Shoppingwahn

Als logische Schlussfolgerung stürmte ich auf einem Wochenendtrip im Tessin den erstbesten Sportladen, den ich finden konnte. Völlig ausser mir und übereifrig steuerte ich mit grossen Schritten auf die Veloabteilung zu und hätte meinen Einkaufskorb wohl binnen weniger Minuten gefüllt, wäre da nicht diese leise, aber durchdringende Stimme in meinem Kopf gewesen, die meinte: «Kris, ehrlich jetzt. Du willst den ganzen Kram vom Tessin mit nach Hause schleppen, obwohl du exakt denselben Laden in Zug gleich um die Ecke hast? Das ergibt sehr wenig bis gar keinen Sinn. Komm schon, leg den Korb zurück, du wirst es nicht bereuen.» Der innere Konflikt, welcher daraufhin in mir ausbrach, war niederschmetternd. Während mein Verstand immer wieder an die sinnlosen Umstände erinnerte, die ein Shoppinganfall in der Südschweiz mit sich bringen würde, sahen meine Augen Dinge, denen ich vor einigen Monaten kaum Beachtung geschenkt hätte: Velo-Flick-Set; brauch ich! Fahrradhandschuhe; unerlässlich! Multifunktionales, ultrakompaktes Reisehandtuch; scheisse, wie geil! Tarnplane zum Schutz vor Wildschweinen; wie soll ich ohne die überleben?!

 

Bis auf Weiteres ...

Schliesslich siegte die Vernunft. Ich besann mich darauf, die lokale Wirtschaft im Kanton Zug zu unterstützen und legte die Sachen brav ins Regal zurück. Bis auf den wasserdichten Rucksack. Und die Wildschweinplane. Und das superpraktische Handtuch. Okay, Spass beiseite – ich legte wirklich alles zurück. Ausser den Rucksack.

 



Ein schlimmer Tagtraum

 

Mit dem Fahrrad vom Bodensee nach Zug – wieso eigentlich nicht? Gerne nehme ich Sie mit auf meine Velotour von der Ost- bis in die Zentralschweiz.

 

Vergangene Woche traf ich mich mit meiner Mutter. Bei brütender Hitze suchten wir Zuflucht im Schatten des Kaffee Luzia und machten uns gierig über die Glacés her, die bald keine mehr waren, sondern vielmehr wie zuckerhaltige Aromatümpel im Becher umherschwappten. Ich nippte gerade genüsslich an meinem Löffel und dachte an nichts Böses, als Mami plötzlich meinte: «Dir ist aber schon klar, dass alle Etappen, die du dir ausgesucht hast, den Konditionsgrad ‘schwer’ haben, oder?» Prompt verschluckte ich mich am Eis. Ein Schweissfilm bildete sich auf meiner Stirn, jedoch nicht aufgrund der Hitze, sondern aus nackter Angst. Ich schluckte zweimal leer, setzte ein gespielt selbstsicheres Lächeln auf und meinte: «Ja, aber sicher, das habe ich absichtlich so geplant. Ist doch klar.» Währenddessen spielte sich vor meinem inneren Auge ein Alptraum ab. Ich, in der Mitte eines Steilhangs. Mit zwei Fingern halte ich mich mit letzter Kraft an einem Felsvorsprung fest, das Fahrrad baumelt nur durch zufälliges Einhängen im Schnürsenkel direkt unter mir, die Schweisstropfen lösen sich von meiner Schläfe und fallen in die scheinbar endlose Tiefe, die sich unter mir ausbreitet. Ich atme flach, mit jedem Zug schwindet mein Halt und die Fingerspitzen gleiten Millimeter für Millimeter ab ... «Ja, du schaffst das sicher.», riss mich Mami aus meinem (nun ja, vielleicht etwas übertriebenen) Tagtraum.

 

Bedingungslos frei

Zugegeben: Mir war schon klar, dass die Strecke kein Zuckerschlecken wird. Ebenfalls war mir klar, dass sich weder meine Gesässknochen noch meine Waden oder Oberschenkelmuskeln für dieser Tortour bedanken werden. Aber was macht man nicht alles, um einige Tage aus dem Alltag entfliehen, und sich bedingungslos und unaufhaltbar frei fühlen zu können ...

 



Von Wabbelbeinen und Zahnstocherarmen

 

Mit dem Fahrrad vom Bodensee nach Zug wieso eigentlich nicht? Gerne nehme ich Sie mit auf meine Velotour von der Ost- bis in die Zentralschweiz.

 

Mehr schlecht als recht quälte ich mich am Starttag, Sonntag, 11. August, aus meinem warmen Nestchen und schlurfte mit verquollenen Augen in der Wohnung umher, um meine restlichen Utensilien zusammenzupacken. Dies nicht mangels Motivation, denn ich freute mich sehr auf das bevorstehende Abenteuer, aber ein Morgenmensch bin ich nun wirklich nicht.

 

Noch etwas bleiben

In Rohrschach angekommen war es beinahe schade, den schönen Hafen bereits zu verlassen. In seiner ganzen Pracht erstreckte sich der Bodensee bis hin zum Horizont und hätte mich fast dazu verleitet, noch vor dem ersten gefahrenen Meter das Rad hinzustellen und den Ausblick bis in den Nachmittag hinein zu geniessen. Aber ich besann mich gerade noch rechtzeitig. Schliesslich wollte ich heute die ersten zwei Etappen schaffen.

 

Schöne Schweiz

Von Rohrschach über Altstätten SG bis Herisau SG führte mich der erste Tag. Sechs bis sieben Stunden Fahrt hatten meine Beine in wabbelige Insektenbeinchen verwandelt, mein Steissbein fühlte sich an, als hätte sich die Dame aus den Zweifel-Chips-Werbungen darauf ausgetobt und meine Arme hatten die Konsistenz von Mozarellasticks. Aber ich war glücklich. Ein Blick auf mein Handy zeigte mir schliesslich, dass ich noch weitere 50 Minuten zu fahren hatte, um den nächsten Campingplatz zu erreichen. Doch wenn man bereits so viele Stunden gefahren war, fühlten sich 50 Minuten an, wie ein läppischer Katzensprung.

 

Regen, Regen, Regen

Ohne zu übertreiben: Zehn Sekunden, nachdem ich mein Zelt fertig aufgebaut hatte, spürte ich den ersten Tropfen. Wie ein tennisballgrosses Ungetüm platschte er auf meinen Scheitel und gab mir einen Vorgeschmack auf die kommenden 24 Stunden. Doch selbst der Regen konnte mir an diesem Abend nichts anhaben. Mit 92 Kilometern in den Beinen schlief ich binnen kürzester Zeit ein und wappnete mich für den nächsten Tag.

 



Willkommener Regen

 

Mit dem Fahrrad vom Bodensee nach Zug wieso eigentlich nicht? Gerne nehme ich Sie mit auf meine Velotour von der Ost- bis in die Zentralschweiz.

 

Prasselnder Regen, der mein Zeltdach als Trommel nutzte, weckte mich am zweiten Tourentag, 12. August, sanft aus einem tiefen Schlaf. Darum bemüht, dem Tag trotz dunkler Wolkendecke mit einem Lächeln zu begegnen, schälte ich mich aus der wohligen Wärme meines Schlafsacks, kroch aus dem Zelt und reckte das Gesicht gen Himmel. Der Regen schwächelte, jedoch war laut Wetterprognose kein Ende des Niederschlags in Sicht. Ohne lange herumzutrödeln, packte ich meine Sachen zusammen, belud das Fahrrad und überzog das Gepäck sowie mich selbst mit Regenschutz. Den Kommentar eines Campinggastes; «Jetzt ist das nicht mehr so lustig, was?», quittierte ich mit einem netten Lächeln und den Worten «Ist ja nur ein bisschen Wasser.» Und das meinte ich tatsächlich so: Mit Regenschutz ausgestattet waren die kühlen Regentropfen im Gesicht eine willkommene Abkühlung und nicht einmal halb so mühsam, wie anfangs gedacht.

 

Keine Schonfrist

Den Schlaf noch in den Augen machte ich mich schliesslich auf den weiteren Weg und fand mich nach nur wenigen Minuten Fahrt am Fuss eines Hügels, dessen Weg sich steil und kurvig durch die vielseitige Landschaft wand. Ich unterdrückte ein Gähnen und atmete stattdessen drei Mal tief durch, um meine gesamte Motivation für die bevorstehende Herausforderung zu sammeln. Es war ein merkwürdiger Tag. Das Wetter änderte öfter, als Donald Trump seine Meinung, und immer, wenn sich auch nur ein einzelner Sonnenstrahl seinen Weg durch die Wolkendecke bahnte, verfluchte ich die Sonne für ihre Wärme und wünschte mir die wohltuende Kälte der Regentropfen zurück.

 

Ein erfreuliches Treffen

Irgendwann nachmittags erreichte mich ein Anruf, der mein mächtig arbeitendes Herz einmal aussetzen liess. Die Stimme meines Freundes störte meine regelmässige Lungenaktivität und bewog mich dazu, kurz anzuhalten. Er teilte mir mit, dass er geschäftlich in der Nähe sei und wir uns in Rapperswil-Jona treffen könnten. Mit neuer Energie trat ich kräftig in die Pedale und fuhr um circa 17 Uhr in Rapperswil ein. Nach einem gemeinsamen Essen verabschiedete ich mich von meinem Liebsten und fuhr in die Jugendherberge in Rapperswil. Das kleine Viererzimmer wirkte auf mich wie ein königliches Schlafgemach und das Bett fühlte sich an wie ein luxuriöses Wasserbett.

 



Ein zähes Tourenende

 

Mit dem Fahrrad vom Bodensee nach Zug – wieso eigentlich nicht? Gerne nehme ich Sie mit auf meine Velotour von der Ost- bis in die Zentralschweiz.

 

Zutiefst gerührt bin ich aufgrund der zahlreichen Anrufer und Mailschreiber (okay, ganz so zahlreich waren sie nicht), die sich nach meinem Befinden erkundigt haben und fragten, ob ich denn nun tatsächlich von einer Horde Wildschweine verspeist worden sei. Doch kein Grund zur Sorge – nach meinen Sommerferien sitze ich wieder im Büro der Zuger Woche Redaktion und frage mich, wie ich unsere Leser am besten mit spannendem und unterhaltsamem Lesestoff versorge. Doch im Hinblick auf diese Sommerrubrik gestaltet sich das eher schwierig, war doch der letzte Tag meiner Veloreise alles andere als spektakulär.

 

Nicht zu unterschätzen

Nein, viel passiert ist bei meiner letzten Etappe – von Rapperswil über Einsiedeln nach Zug – wirklich nicht. Als ich am Morgen des 13. August die Jugendherberge verliess, nieselte es nur noch schwach. Ich dachte an die Worte eines Familienvaters zurück, mit dem ich beim Frühstücksbuffet ins Gespräch gekommen war. Als ich ihm von dieser letzten Etappe erzählte, schmunzelte er und meinte: «Das wird aber noch ein strenges letztes Stück, da gibt es einige Hügel zu erklimmen.» Naiv wie ich war, wischte ich die Bemerkung mit einer lässigen Handbewegung beiseite, grinste tapfer, und meinte: «Ach, das werde ich jetzt auch noch schaffen.» Wir behielten beide recht.

 

Jeder Aufstieg lohnt sich

Kaum aus dem Haus erwartete mich die erste Steigung – und was für eine! Zum ersten Mal seit Beginn meiner Reise war ich versucht, mich vom Drahtesel zu schwingen und ihn den Rest des Hügels hochzuschieben. Als mich jedoch zwei gepäcklose Mountainbiker überholten, siegte mein Ego. Mit rasselndem Atem, einem vor Schweiss und Regen triefenden Oberteil und weit aufgeblähten Nasenlöchern erreichte ich schliesslich den Hügelkamm. Die Mountainbiker hoben lässig den Daumen und grinsten mir zu. Ich versuchte zurückzulächeln, sah dabei jedoch wohl eher aus, wie Joker in Batman. Ein kleines bisschen irre. Als ich mich schliesslich erholt hatte und den Blick über die Landschaft gleiten liess, die sich bis in weite Ferne erstreckte, wurde mir – einmal mehr – bewusst, dass sich schlussendlich jeder Aufstieg lohnt.

 

Ein letzter Halt

Mit Müh und Not erreichte ich schliesslich Einsiedeln. In einem schnuckligen Kaffee, nahe des Klosters, gönnte ich mir eine letzte kleine Stärkung, liess die vergangenen Tage Revue passieren und schwang mich schlussendlich ein letztes Mal in den Sattel. Die abschliessende grosse Hürde vor der Einfahrt in Zug stellte sich als der Raten heraus. Und wie schon so oft auf dieser Tour wurde mir bewusst, wie schlecht meine Geografiekenntnisse sind, erkannte ich doch erst auf dem Passgipfel beim Restaurant Raten, wo ich mich gerade befand. Mit Blick auf den Ägerisee sauste ich den Hang hinab und traf schliesslich, ein Tag früher als gerechnet, wieder in Zug ein. Müde, erschöpft und mit schmerzenden Gliedern, aber auch zufrieden, glücklich und ein klein wenig stolz.